40 Jahre nach
Woodstock
- eine Hommage an Al „Blind Owl“ Wilson
und eine Betrachtung der Zeit -
Dies sind Reflexionen eines
Jung-Achtundsechzigers. Er war 1968 vierzehn Jahre alt. Abseits und mittendrin
zugleich.
Ich kann sie nicht mehr
hören, die Diskussion, ob die 68er-Bewegung gescheitert ist oder nicht. Wie
können gescheiterte Existenzen darüber diskutieren? Wie kann man darüber
streiten, ob etwas gescheitert ist, was es im tiefsten Kern nie gegeben hat? Oder
das so vielschichtig war, dass jede Ebene einzeln betrachtet werden muss? Was
nur wie ein Hauch, ein luziferisches Versprechen einer besseren Welt war. Ein
Leben im Atem dessen, was die beiden wichtigsten Ideale, die es in der
Menschheit, für die Menschheit gegeben hat, ausströmten: die Liebe und die
Freiheit. Oder gar eine Kraft, die auf ganz anderen Ebenen zu finden war und
die sich gar nicht vollständig auf dieser Welt inkarniert hat, was zu beweisen
wäre. Scheitern kann das alles nicht. Scheitern kann nur immer wieder das, was
eben dieses verhindert hat. Wenn jemand einem Durstenden ein Glas Wasser
reichen will, und der Durstende es ihm immer wieder aus der Hand schlägt, wer
scheitert dann?
Das, was die Ideale, die die
jungen Menschen, die uns damals erfüllten, bekämpft und korrumpiert hat, das
eine von Innen, das andere von Außen, und nur das kann und wird scheitern. Und
wenn ich das schreibe, dann heißt das nicht, dass Liebe und Freiheit seinerzeit
in besonderem Maße verwirklicht waren. Das waren sie selbstverständlich nicht.
Nur gescheiterte Existenzen
diskutieren diese Frage nach dem Scheitern, denn natürlich ist die Zeit seit
1968 gescheitert. Anhänger und Gegner. Die andere Diskussion ist die, ob die
68er-Bewegung nicht sogar Schuld ist am Verfall der Bildung und die eigentliche
Ursache der weltweiten Gewalt. Antiautoritäre Erziehung? Hat es an den
deutschen Schulen nie gegeben. Ja, ich habe sogar im Ohr, der Pazifismus sei
schuld am Dritten Reich. Aber derart weit müssen wir nicht gehen. Wir müssen
gar nicht weit gehen, wir fangen bei uns selber an und hören auch bei uns
selber wieder auf. Garantiert.
1.
Al Wilson zählt nur zur
zweiten Reihe des Club 27, die erste Reihe bleibt anderen vorbehalten. Ob das
nun ist, weil Al „Blind Owl“ nicht so bekannt war, oder ist er nicht so bekannt,
weil er nur zur zweiten Reihe gehört? Keine Ahnung. Immerhin hat er so
begnadete schwarzen Bluesern wie Son House daran erinnert, was sie in den 40ern
gespielt haben. Und was wäre John Lee Hooker ohne Al „Blind Owl“ Wilson. Al war
extrem kurzsichtig und dennoch sah er so vieles, was ihn depressiv machte. Er
war einer der ersten militanten Umweltschützer in den USA, er lernte die Namen
der Tier- und Pflanzenarten um ihn herum auswendig. Und er fuhr seinen Van
einfach von der Straße. Das tötete ihn allerdings noch nicht. Erst eine
Überdosis Barbiturate gemischt mit Wodka ließ ihn nachts auf einem Hügel hinter
dem Haus seiner besten Freundes Bob Hite lächelnd in eine andere Welt wandern.
Eine Welt, von der er nicht wusste, wie sie aussah, ein Leben nach dem Tod auf
irgendeine Weise. Viele hatten seine Depressionen gar nicht bemerkt. Dabei hatte er
schon auf dem
Was Al sah war die
Begeisterung in Woodstock. Und er sang seinen Abschied in die begeisterte Menge
hinein. Das dürfte der einsamste Augenblick in seinem von Einsamkeit
durchtränkten Leben gewesen sein.
Für mich war dies ein ganz besonderer
Moment, nämlich der, in dem mir die Gespaltenheit der „Woodstock-Generation“
zum ersten Mal ins Herz fuhr. „Canned Heat“ – vielleicht darf ich das mal so
frei übersetzen, wie ich das empfunden habe: eingesperrte Hitze, konservierte
Inspiration. Sehnsucht, die ihren Weg nicht findet. Wühlende Trauer, Betäubung,
Alkohol, Drogen. Wut. Notfalls auf sich selbst und gegen sich selbst gerichtet.
Das Gefühl: „Stone Free“.
2.
Bob „The Bear“ Hite setzte
sich einfach unmittelbar nach einem Konzert in Kalifornien im Jahr 1981 einen
goldenen Schuss noch auf der Bühne mit den Worten: „Der macht mich nicht mal
high“. Stimmt. Zehn Minuten später, so der Drummer Parra, war er tot. Er fühlte
sich bereits längst nicht mehr akzeptiert, war unglücklich und fühlte sich
einsam. Sein bester Freund Al war 12 Jahre vor ihm freiwillig aus dem Leben
geschieden. Und wer nach dem Tod von Al ein Konzert von Canned Heat anschaute,
der „sah“, dass die „blinde Eule“ immer dabei war, wo Bob Hite performte. Und
nach dem Tod von Bob war Canned Heat nicht mehr Canned Heat. Ganz einfach. Es
war nicht so, dass Bob und Al nun unsichtbar dabei waren, sondern beide waren
echt ganz weg. Nicht da. Überhaupt nicht da. Etwas war völlig weg. Neben Al und Bob war es das, für was sie
gestanden haben. Was war das?
3.
Im August 1969 saß ich am
Strand einer Insel in Nordfriesland auf einer schrägen Wiese mit zahlreichen
Freundinnen und Freunden. Da waren Hannes und Hauke, Püffi und Harro, Christine
und Alice, Uli und Cornelia, Wolfgang und Jan-Dirk. Und die anderen. Und wir
wussten, was sich in den Tagen zwischen dem 14. und 17. August einige tausend
Kilometer entfernt abspielte. Wir besaßen Gitarren (natürlich), Bongos, Flöten
und ich sogar eine Violine. Mit dieser wurde „Going up the Country“ zu veredeln versucht.
Und wir fühlten uns mittendrin, zu jung, um selber hinzufahren, aber im Herzen
und im Handeln dabei. Siem-Peter hatte sich da schon verabschiedet, mit dem
Motorrad gegen den Baum und von dort Einbahnstraße in den Himmel. Dass uns
Strandwärter wegjagten, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden. Jahre
darauf wurde die schräge Wiese mit Rabatten bepflanzt, jetzt ist sie betoniert.
Seither sitzt da niemand mehr. Gelegentlich stehe ich heute ein paar Meter
oberhalb dieser Schräge und denke daran, was sich seither getan hat. Damals
meinte ich, die Welt könne doch nur besser werden, weil jeder Mensch an jedem
Tag dazulernt. Es sei daher unlogisch, dass die Welt schlechter werden würde,
dass die Menschen schlechter werden könnten. Seltsam, meine Band damals trug
den Namen „The Same Thing“, was sehr frei übersetzt heißen kann: immer
dasselbe.
4.
Die erste Reihe des Club 27
kommt mir heute vor wie eine Schicksalsgemeinschaft. Sie mussten ihren Weg so
gehen und mit 27 sterben. Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim
Morrison. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass sich um das 27. Lebensjahr
entscheidet, ob es der eigenen Persönlichkeit gelingt, an die Welt, in die man
hineingeboren wurde, anzuknüpfen. Mit 27 sind die meisten verheiratet, haben
Kinder, einen Beruf, eine politische Orientierung, ein Bankkonto, eine
Automarke, einen Lieblingssport und was weiß ich noch alles. Und von da an wird
gealtert. Ob man es will oder nicht. Körper und Seele parallel. Man nennt das:
vernünftig werden. Jimi und Jim, Janis und Brian war das vorbestimmt. Sie waren
derart extrem, dass sie von Anfang an keine Chance hatten. Komplett
authentisch. Alle vier kann ich mir vorstellen, wie sie gewesen wären, wenn sie
64 geworden wären: alles unverändert, nur ein paar Falten. Sie würden immer
noch saufen, Drogen nehmen, jede Menge Sex haben. Ihr Schicksal war durch ihre
eigene Seele vorbestimmt, sie SOLLTEN Helden werden und wurden es auch. Sie
waren es zu Lebzeiten und sie sind es im Tod. Jedenfalls für uns.
Und was wären wir ohne sie?
Genau das, was wir heute sind, denn Jim Morrison hat uns darin bestätigt, uns
unverstanden zu fühlen, Jimi Hendrix hat uns Staunen gemacht und uns in unserem
höheren Wesen bestätigt. Janis Joplin ließ uns ja zu unserer Verzweifelung
sagen: Wenn schon verzweifelt, dann mit Überzeugung. Und Brian Jones riss
Grenzen ein, die wir nicht mehr zu übertreten brauchten. Alle vier ebneten uns
den Weg, den sie selbst gegangen waren. Nur: wir gingen nicht. Curt Cobain
rechne ich übrigens nicht in die erste Reihe des Clubs. Aber am besten rechnen
wir gar nicht mit Reihen. Wir müssen doch mit unseren Schemata nicht auch noch
unsere Toten terrorisieren, besonders nicht unsere Besten.
5.
„Don`t forget to Boogie“. Mit
diesem Satz beendete Bob „The Bear“ Hite jedes Konzert von Canned Heat. Bob war
der beste Freund von Al Wilson. „The Owl“ oder „Blind Owl“ wurde Al wegen
seiner starke Kurzsichtigkeit genannt. Er beobachtete Insekten und Pflanzen,
lernte ihre Namen auswendig und war extrem kurzsichtig. Canned Heat. Er gehört,
so meint man, zur zweiten Reihe des Club 27. Warum eigentlich? Weil er nicht so
glitzerte wie die anderen? Weil er meist schlecht gekleidet, in Jeans und
kariertem Holzfällerhemd daherkam ähnlich wie Rory Gallagher, der irische
Gitarrist, Antistar und Intellektuelle? Für mich steht Al Wilson ganz vorne in
der ersten Reihe. Er ist das Symbol der missverstandenen 68er-Bewegung und nur
wer das versteht, versteht. Was ist es denn, was mich Al Wilson so schätzen
lässt? Erst einmal genau das, was er NICHT war: der Strahlemann eben, der Star,
der Frauenheld, der Showman. Verklemmt stand er auf der Bühne, mit piepsiger
Stimme, die seit dem Konzert eine Schicht rauen und kratzigen Abschied
beinhaltete. Die genau da begann, auf Wiedersehen zu sagen, als die Korruption in
die Rockszene Ende der 60 Jahre Einzug hielt. Vielleicht war Al Wilson der
einzige unter allen Anwesenden in Woodstock, der bemerkte, dass dieses Konzert
nicht der Anfang, sondern das Ende einer, zugegebenermaßen sehr kurzen Epoche
war. Und vielleicht bemerkte er diese Tragödie nur deshalb, weil seine eigene
Tragödie parallel dazu verlief. Seine seelischen Augen waren ebenso scharf, wie
seine physischen kurzsichtig waren. Er sah, dass es neben allem anderen
Pflanzen und Tiere gab, und er sah, dass das praktisch niemand sah. Gut, es gab
bereits Ende der 50er Jahre das Buch „der stumme Frühling“ von Rahel Carson.
Aber wer las das schon. Alan erkannte, dass sein Leid und das Drama, dass ihn umgab, dieselbe Ursache hatten. Fito de la Parra,
der Drummer von Canned Heat sagte viele Jahre nach Alans Tod, er habe gar nicht
bemerkt, das Alan derartig depressiv war. Und andere bemerkten nicht, dass es bereits damals so war, dass derjenige oder
diejenige, die heute nicht krank sind, auch nicht gesund sein können. Alan Wilson sang: “I
gonna leave the City, got to get away. There`s a brandnew game that I wanna
play.” Aber niemand verstand damals das
“neue Spiel”. Und deshalb fühlte Al diese unendliche Einsamkeit in sich. Auch
unter 200 000 Menschen in Woodstock. Wer sich anhört, wie und was er dort
singt, der kann all dies in seiner Stimme hören, während er „Going up the
Country“ singt. Woodstock verkehrt, Ausdruck der Todessehnsucht, nicht der
Blümchen. Das ging gar nicht, jedenfalls nicht für die Filmemacher.
6.
Ich wollte Jimi Hendrix mit
dem, was ich über ihn geschrieben habe, nicht unrecht tun, auch den anderen aus
der ersten Reihe nicht. Eigentlich sollte man über Hendrix schweigen, denn was
haben wir von seiner Musik verstanden, 40 Jahre später? Er hat die moderne
Rockgitarre geprägt. Er war kein guter Sänger. Seine Aufnahmen sind technisch
teilweise schlecht. Aber wer hat sich denn schon die Frage gestellt, warum Jimi
Hendrix genau die Musik gemacht hat, durch die er so berühmt wurde? Selbst
unsere Musikwissenschaftler werden bei Hendrix zu reinen Sozialforschern oder
Historikern. Warum eigentlich? Es ist eigentlich ganz einfach zu hören.
Grausiger verzerrter Abgrund, die Kriegsmaschine wird in der Musik hörbar,
Gewalt, Hass, Hässlichkeit. Das alles auf der einen Seite. Und auf der anderen
Seite unglaubliche Schönheit, frei schwebend über diesem Abgrund, illusionäre
Klangfarben, Rausch und Licht auf der anderen Seite. Und dazwischen: der Mensch
Jimi Hendrix mit seiner Gitarre in der Hand in dem Versuch, zwischen diesen
beiden Gewalten das Gleichgewicht zu finden, und in dem Gleichgewicht den Weg.
Für den Weg war es zu früh, denn die Gewalten waren unbarmherzig, sie rissen
ihm den Atem aus der Seele. Und erträglich wurde das Ganze nur durch Drogen,
einer Art dritter Gewalt, die so tat, als wenn sie von außen kam, in
Wirklichkeit aber den Kampf von innen her in die Seele trug. Von drei Seiten
her stürzte es auf Jimi Hendrix ein. Da starb er mit 27 Jahren. Wer würde da
nicht früh sterben. So früh. Zu früh. Aber in seiner Musik begegnet uns der
unentschiedene Kampf zweiter Kräfte, die als Satan und Luzifer den Menschen an
die Erde binden oder ihn von allem irdischen befreien wollen. Und diesen
unentschiedenen Kampf stellte Jimi Hendrix in ungeheurer Intensität vor uns
hin. Und wer Jimi Hendrix Musik bewundert, der tut es aus diesem Grund, weil er
merkt, welch ein Mysterium sich in dieser Musik abspielt. Genügend Gargoyles
enthält sie auch und manch einer erträgt es gar nicht, sich dieser Musik einmal
genauer zuzuwenden. Weil man solche Musik entweder richtig anhört oder gar
nicht. Dazwischen liegt nichts. Inzwischen wissen wir das.
Und die Schönheit und die
Hässlichkeit? Die führt in unserer modernen Zeit einen unentschiedenen Kampf
gegeneinander oder soll ich besser schreiben: miteinander? Der alte
Schönheitsbegriff ist lange dahin, auch wenn Mensch das heute noch nicht immer
bemerkt. Und eine neue Schönheit wächst aus diesem unentschiedenen Kampf. Der
Beweis? „Star-Spangled Banner“, zu hören in dem Woodstock-Konzert am 17.August
1969.
7.
John Lennon trat nicht in
Woodstock auf, weil die Beatles nicht in Woodstock auftraten. Wie viele andere
auch nicht. Manche waren zu wild (The Doors, Rory Gallagher), andere kamen
nicht rechtzeitig zur Bühne (Iron Butterfly), manche wollten zu viel Geld
(Stones, Eric Clapton). Doch muss ich zu den Beatles ein Wort sagen. Denn ohne
sie geht natürlich gar nichts, auch keine Schreiberei über Woodstock. Denn die
Beatles waren so groß, dass sie natürlich dabei waren, auch wenn sie nicht
dabei waren. Das gleiche gilt für Eric Burdon. Und Eric Burdon und die Beatles
verbindet etwas sehr Wesentliches.
Die Beatles haben versucht,
die Musik ganz neu von unten her zu begründen. Und zwar von zwei Seiten her.
Die erste Seite ist die soziale Seite. Der klassische Mainstream war nach zwei
Weltkriegen als gescheitert anzusehen. Es mag da Ausnahmen geben, zum Beispiel
Béla Bartok. Aber ein Kulturimpuls ist das alles nicht mehr. Das mögen
diejenigen, die mit der klassischen Musik leben und besonders die, die VON IHR
leben nicht zugeben. Aber so wie die Philosophie um 1900 zu Ende ging
(vielleicht vorläufig, denn ohne sie geht’s nicht), so starb auch die
klassische Musik, wenngleich sie Ende der 60er Jahre auch eine Blüte trug. Aber
schon in den 70ern komponierten Komponisten der klassischen Linie wieder wie
Gustav Mahler. Ich weiß, das ist jetzt sehr vereinfacht, aber es ist hier auch
nicht mein Thema. Anfang der 60er Jahre kamen da nun vier langhaarige junge
Männer, denen die Welt nach und nach zu Füßen lag. Sie schufen eine Musik, die
die Menschen dort ansprach, wo die klassische Musik sie schon lange nicht mehr
erreichte. Und von hier unten aus machten sich die Beatles auf den Weg nach
oben. Man höre heute einmal wieder konzentriert „Abbey Road“ und frage sich
dabei: was bringt mir diese Musik. Die Antwort gebe jeder und jede sich selbst.
Aber: jedes Motiv und jeder Übergang stimmen, jedes Stück, selbst „Maxwell`s
Silver Hammer“ gehört dazu. Die gehörte Musik trägt alle Anzeichen von Kunst!
Darf das sein?
Und wenn dann noch Paul
McCartney erzählt, wie er und John Lennon komponiert haben: aus der Wahrnehmung
der Route 66 heraus wird Musik, die Wahrnehmung der Straße wird musikalisiert,
dann ist das geradezu erkenntnis-theoretisch hypermodern. Nicht mehr wird eine
Idee vermaterialisiert, sondern das Material wird idealisiert. Doch jetzt halte
ich inne, sonst beginne ich zu begründen, warum diese Art des Komponierens
zutiefst christlich im allerbesten Sinne und ohne Beschädigung andere
Religionen ist… Jetzt halte ich inne.
7.
Und was hat das jetzt mit
Eric Burdon zu tun? In einer norddeutschen Stadt habe ich mal ein Bierchen mit
ihm getrunken. Eric lebt genau den sozialen Impuls der Beatles bis heute, hat
er ihn doch zur selben Zeit eingeatmet wie John, Paul, George und Ringo: im
Jahr 1963. Und dieser Atem hat ihn nicht mehr losgelassen und er ihn auch
nicht. Eric Burdon komponiert zunehmend auch aus der sinnlichen Wahrnehmung
heraus. Auf seiner letzten CD gibt es ein Stück „Highway 62“. Dieter Kaiser
schreibt auf der Homepage von FFM-Rock in der Rezension der CD: „Man fühlt sich
an die Route 66-Zeit erinnert“. Nein, Dieter, nicht erinnert, es IST die Zeit,
denn und spätestens jetzt gehöre ich für viele (hoffentlich nicht zu viele) zur
„gescheiterten Generation“: die „Route 66-Zeit“ ist ein Bewusstseinszustand.
Keine Angst: die 68er-Bewegung kommt so schnell nicht wieder, denn erstens ist
sie in Spurenelementen da und bleibt auch da und zweitens wird sie natürlich in
einem anderen Gewande wiedererscheinen. Stellen wir uns einmal vor, eine der
ältesten Lehren der Menschheit, die Reinkarnationslehre, wäre war. Jeder Mensch
würde wieder geboren werden, sagen wir mal, so nach vielleicht 150 – 300
Jahren. Und nun stellen wir uns einmal vor, John Lennon würde wieder als Baby
zur Welt kommen. Und Jimi Hendrix und Janis Joplin. Und Jim Morrison. Und mein
liebster Freund Al „Blind Owl“ Wilson. Und der Namensgeber meiner alten Band:
Muddy Waters. Mit welchen Erfahrungswerten würden sie zurückkommen? Ich finde,
ein interessanter Gedanke. Als George Harrison im November 2001 starb, wurde
ihm ein Nachruf hinterher geworfen, in dem ihm versprochen wurde, dass ihm
großer Dank gebührt und es wurde ihm versprochen, dass wir alle beim nächsten
Mal besser vorbereitet sein würden….
8.
Tat twam asi: Das bist Du.
Du bist alle Deine Wahrnehmungen. Mein Gott! Solche
Worte stehen heute im luftleeren Raum, Nehme man das ernst, müsste man ja alles
ernst nehmen. Aber genau das ist vielleicht verlangt heute. Und da waren wir
schon mal weiter. Die 68er-Bewegung, aus der die Umwelt-Bewegung hervor
gegangen ist, auch wenn sich außer Al Wilson kaum jemand seinerzeit dafür
interessierte, aus der die Friedensbewegung hervor gegangen ist, hat Werte
geschaffen. Frauenbefreiung war 1968 kein Thema. Trotzdem wäre die
feministische Bewegung (um nicht DER Feminismus schreiben zu müssen) heute
nicht da, wo sie steht. Ohne den hemmungslosen Sex und Alkoholkonsum einer
Janis Joplin erheblich weniger selbstbewusste Frauen. Janis Joplin entschied
selbst, mit welchem Mann sie schlief. Das unterschied sie von vielen Frauen
ihrer Zeit. Und heute? Die Versorger - Mentalität unter Frauen nimmt in den
letzten Jahren wieder zu. Ein echtes Roll-Back.
Vermehrt das Problem, dass sich 13 oder 14-jährige Mädchen sich ganz bewusst
schwängern lassen, um die Zukunftsangst zu verlieren. Das sind keine
Niederlagen einer gescheiterten 68er-Bewegung. Das ist ein Rollback in Zeiten
lange davor. Und wenn es so weiter geht, brauchen wir sehr bald wieder eine neue, ganz andere 68er-Bewegung und
wahrscheinlich nicht erst 2068.
9.
„Die Welt ist nicht so, sie
ist ganz anders“, soll Schopenhauer gesagt haben. Irgendwie hat dieser Satz
etwas Surreales. Und die Zeit um 1970 erschien mir persönlich wie ein
lebendiges surrealistisches Gemälde. Dabei haben sich meine Drogen-Erfahrungen
recht einfach gestaltet. Haschisch machte mich depressiv und deshalb mied ich
es. Und um mit härteren Sachen Karriere zu machen, hatte ich zu viel Phantasie.
Wie gesagt, die Welt erschien mir schon so reichlich surreal. Massen von
Touristen unter LSD-Einfluß zu beobachten war nicht meine Welt. Dafür war und
ist Tanzen meine absolute Leidenschaft und später auch meine Profession
geworden. Wer hätte das gedacht. „Don`t forget to Boogie“ habe ich wörtlich
genommen. Denn nur Bewegung macht Bewegung. So ist es. Ich war 1968, ehrlich
gesagt, erst 14 Jahre alt. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir dann ein Jahr
später, 1969, in dem kleinen Nordseestädtchen eine Anti-Vietnam-Demonstration
organisiert haben. Wir waren etwa 50 junge Leute, die beiden Inselpolizisten
liefen vorne und hinten und an der Straße standen unsere Eltern und riefen:
„Geht doch erstmal zum Friseur“. Jahre später gingen sie dann selbst einmal auf
die Straße, warum weiß ich nicht mehr, und wir haben sie unterstützt. Die
schräge Wiese am Strand von Wyk auf Föhr ist inzwischen zubetoniert.
10.
Warum waren wir damals
eigentlich so? Aus was entstand die Hippie-Bewegung? Die 68er-Bewegung, die
Studenten-Bewegung? War das, was uns damals in den Seelen lag, meinetwegen als
Sehnsucht, schon in der Welt, die uns umgab, vorhanden? Ich meine: nein, denn
weshalb sonst der Protest. Und in einem eine Sehnsucht ist, so sagte ich mir
irgendwann, nach etwas, dann muss man es doch kennen, denn woher kommt sonst
die Sehnsucht. Vielleicht ist das Bewusstsein dessen, wonach man sich sehnt,
nicht oder nur zum Teil da, kann sein.
Aber tief in einem muss ein Bild dessen sein, wonach man sich sehnt, sonst
könnte man sich gar nicht nach etwas sehnen, was es noch nicht gibt. Herrlich
doppelt dieser Satz: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber vielleicht ist das
nun auch wieder zu philosophisch. Aber wir brauchen
andererseits die Philosophie, denn wie sollen wir sonst verstehen, was wir
selbst erlebt haben? Und in der 68er-Bewegung hatte Philosophie Hochkonjunktur.
Lebhaft erinnere ich mich des Schreckens, der mich befiel, als mir ein Freund
bewies, dass das Schiff, mit dem wir gerade fuhren, in Wirklichkeit gar nicht
existierte. Das machte mir echt zu schaffen. Die Lösung bleibt hier offen und
es bleibt den Leserinnen und Lesern völlig frei, ins Wasser zu stürzen. Vorher
aber die Rettungswesten anlegen und das Rauchen einstellen. Ach ja, Rauchen in
öffentlichen Gebäuden, zu denen auch die nordfriesischen Fähren gehören, gibt
es ja inzwischen nicht mehr.
11.
Ich weiß nicht, bin ich
eigentlich mutig, hier die 68er-Bewegung derart in den Himmel zu loben? Aber ich
bin mir nicht mal sicher, ob ich das bisher getan habe. Also noch nicht die
Messer wetzen. Wie soll ich eigentlich diejenigen nennen, die meinen, die
68er-Bewegung sei eine Versager-Bewegung? Soll ich sagen: die 33er? Aber da
würde ich wahrscheinlich manchen Unrecht tun,
zumindest oberflächlich. Was gibt es da für seltsame Kritiken. Da meint doch
glatt einer, der damals auch irgendwie dabei war, die 68er-Bewegung sei immer
schon Anti-Amerikanisch gewesen. Der, der das meint, der heißt Horst Mahler und
war mal RAF-Anwalt und hat sich inzwischen in die Parteiführung der NPD beziehungsweise
ins Gefängnis verirrt. Mit der Verleumdung der 68er meint er, seinen eigenen
Anti-Amerikanismus entschuldigen bzw. begründen zu können. Himmel, ein
Verirrter! Das wird ein Stück Arbeit! Fehlt nur noch, dass er sagt, Jimi
Hendrix und Rudi Dutschke seien Faschisten gewesen.
Aber es gibt andere, die
meinen, die Anti-Autoritäre Erziehung der 68er sei verantwortlich für manche
heutige Disziplinlosigkeit. Dabei hat es eine anti-autoritäre Phase in
deutschen Schulen überhaupt nicht gegeben, wenn man vielleicht von einzelnen
einflusslosen Lehrerinnen und Lehrer mal
absieht. Schon verwunderlich, wie man Dinge verdrehen kann. Also durch
Sitzenbleiben bin ich bis 1974 zur Schule gegangen. Ich hatte vielleicht einen
antiautoritären Lehrer und der war das auch nur ein halbes Jahr. Dann gab er
auf.
12.
Natürlich bin ich traurig,
Alan Wilson und Bob Hite nie persönlich kennen gelernt zu haben. Oder Janis und
Jimi. Aber ich glaube Du verstehst, warum mir Al und Bob näher liegen. Sie
hatten beide nichts Göttliches, dass heißt, das stimmt nicht ganz. Aber das
Göttliche war nicht so strahlend wie bei Jimi, nicht so beängstigend wie bei
Jim, nicht so Chaotisch wie bei Janis. Es war eine ganz einfache seelische
Schönheit, die mir aus Alan und Bob entgegenstrahlte. Ihr Gott leuchtete im
Inneren und man muss sich in sie hinein begeben, um dieses Licht leuchten zu
sehen. Ja genau, das Aufdringliche ging beiden ab. Bob fast ganz, Alan war das
wesensfremd. Und das kann ich schreiben, obwohl ich sie nur von Schallplatten
und dem Beat-Club kenne, vom Film über Woodstock und über Monterey und aus
Dokumentationen. Ich weiß, das wofür sie standen, existiert und jeder Mensch
steht für etwas und das, wofür ein Mensch steht, IST der Mensch. Also, was
solls, wir brauchen uns nicht zu streiten, besonders nicht über etwas, was so
selbstverständlich ist, wie die Reinkarnationslehre. Schon Lessing sagte, ist
es denn das einzige, was gegen diese Lehre spricht, dass sie die wohl älteste
Lehre der Menschheit ist? Und Lessing hatte nun mit Rock und Blues gar nichts
zu tun. Oder mit der 68er-Bewegung. Aber, da habe ich doch was übersehen:
vielleicht doch? Na, ich habe, wer hat es bemerkt, bereits die Beatles
erkenntnis-theoretisch in die Nähe Goethes gerückt. (Jetzt ist es raus!). Da
macht es dann echt nichts mehr, auch Lessing zu Wort kommen zu lassen. Die
Goethezeit: war sie (Werther!) ein Vorläufer der 68er? Gibt es vielleicht
solche historischen Wellen? Und was folgt jetzt? Und schlagen auch schlechte
Jahre ihre Wellen? 1933 Revisited?
13.
Ich habe auf der ersten
Seite geschrieben: Wie kann man darüber streiten, ob etwas gescheitert ist, was
es im tiefsten Kern nie gegeben hat? Und jetzt habe ich so vieles geschrieben,
was es gegeben hat. Liegt darin ein Widerspruch? Was hat es denn nicht gegeben.
Na, da muss ich doch auf den Club 27 zurückkommen. Es gibt nichts, was es nicht
gibt. Diesem Satz müssen wir uns zuwenden. Also er bedeutet:
Ungeheuerlich eigentlich,
dieser Satz rockt wie der Refried Boogie von Canned Heat! Und der Club 27 trägt
ein Versprechen in sich, dass das, was die Club-Mitglieder nicht haben ausleben
können, nicht verloren ist, weder für sie, noch für uns. Es wird später reifen.
Es hat in diesem Sinne die 68er-Bewegung wirklich nicht gegeben, denn wie viele
haben nicht ausleben können, was „von selbst aus ihnen herauswollte“ (Hermann
Hesse). Dazu gehört natürlich auch Rudi Dutschke. Dazu gehört ein Jan Palach
und die vielen Opfer ähnlicher Unruhen. Was sich die 68er vorwerfen können, die
Hippies, was ich mir vorwerfe, das ist ein bestimmter Teil einer unerhörten,
missbrauchfähigen Naivität. Naivität ist ja eigentlich etwas sehr schönes. Aber
es gibt eine Naivität, die mit Verantwortungsgefühl kompatibel ist. Und als
Erwachsener kann man die bewusst ausbilden, ohne kindisch zu sein. Kindlich ist
gut, kindisch auf Dauer ein Desaster. Was lebte in der vielfältigen Rebellion
der 68-Bewegung? Es war das, was auf diese Welt wollte und Unverständnis
erntete. Es wurde damals zum Beispiel „Love and Peace“ genannt. Liebe und
Frieden. Niemand wird dagegen etwas einwenden. Aber die Mittel, die damals zur
Verfügung standen, haben ausgereicht, einen starken Einfluss auf die Beendigung
des Vietnam-Krieges auszuüben. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Heute wäre
wohl nicht mal das möglich, die Wirtschaftskrise sitzt vielen im Nacken. Widerstand
ist derzeit Mangelware, fast unanständig. Widerstand auch gegen was? Gegen unseren
eigenen Egoismus – aus Egoismus? Vielleicht ist die weltweite Bewegung für ein
bedingungsloses Grundeinkommen ein neuer
Ansatz. Wir werden sehen.
14.
Heute kann man von einem
Staat wie Nordkorea unwidersprochen als von einem kommunistischen sprechen. Und
von einer Diktatur. Also von einer kommunistischen Diktatur, in der der
alternde kranke Staatschef seinen Sohn zum Nachfolger kürt. Und ich dachte
immer, das sei eine Monarchie. Seltsam. Da hat wohl jemand etwas
missverstanden. Verwirrung der Begriffe. Sprachverwirrung. Babel.
Entsorgungsparks. Angestellte als Kapitalrücklage. Hartz als Sozialprogramm.
Wer nicht arbeitet, ist entweder ganz reich oder ganz arm. Erstere
bewundernswert, letztere Schnorrer. So ist das. Frage mich niemand, warum. Arbeitsplätze,
das Kultwort des Jahres. Ist ein Zeitarbeitsplatz ein Arbeitsplatz? Ist ein
1-Euro-Job ein Arbeitsplatz? Und auf der anderen Seite sterben täglich
Tierarten und Pflanzenarten unwiederbringlich aus. Die Meere werden leer gefischt.
Suchen wir doch schon mal Gründe, mit denen wir den Indern, Afrikanern und
Chinesen untersagen wollen, so viel Fisch zu essen, wie wir. Und: für alles ist
kein Geld da. Dabei wurde noch nie auf dieser Welt so viel Geld verdient, wie
in den letzten 20 Jahren. Alles die Schuld der 68er? Wohl kaum. Aber es gibt
nichts, was es nicht gibt. And don`t forget to boogie! Es wird eng und enger.
Wirtschaftskrise, Umweltzerstörung. Wegsehen, wegdrücken, unterdrücken. Und
Migrantinnen versuchen, von Calais aus durch den Tunnel nach England zu
flüchten, weil sie meinen, dort eine bessere Welt zu finden, eine Chance zu
haben. Irgendwie nicht zu glauben, das alles. Welche Welt ist gescheitert?
Spätestens heute hätte sich „Blind Owl“ auf den Hügel hinter Bobs Haus gelegt,
eine Flasche in der Hand und ein Lächeln im Gesicht, um zu schauen, ob es
vielleicht eine andere Welt jenseits aller Tunnels gibt. „Dorthin schauet und
zurück deutet der kommende Gott.“ So ein großer „Verrückter“ namens Friedrich
Hölderlin, der vor Kindern den Hut zog und Professoren ungegrüßt ließ. Ein
Gedicht zwischendrin:
Der arme Hölderlin im Deutschen Herbst
Versteckt.
Terror.
Terror nach innen.
Ulrike nahm ihn in die Hände.
Nun nimmt Hölderlin
Ulrike
in sein Herz.
Für immer.
(A. W.)
In Andrej Tarkowskis „Opfer“
fragte ein kleiner Junge in der allerletzten Szene des Films: „Im Anfang war
das Wort. Warum, Papa?“ Müssen wir soweit zurück, um die Lösung zu finden? „I am going to
where water tastes like wine“. Antworten?
Besserwisser sind mir abgrundtief unsympathisch. Die Zeit ist viel
zu ernst, „um sie mit Las-Vegas-haftem Colgate-Lächeln totzublödeln“. (André
Heller) Wo er recht hat, hat er recht. Humor ist in
Ordnung, denn es gibt einen Humor vor und einen nach dem Ernst. Aber beim
Scherzen bitte nicht wieder von einer automatischen Hochtür aus zehn Metern
Höhe auf die Füße fallen und sich alle Gelenke zertrümmern, wie damals in
Paris, Bob! Denn wie willst Du mit kaputten Gelenken noch den Boogie tanzen?
Klar, das brachte sowieso ohne Al keinen Spaß mehr, das weiß ich doch! Ohne
Euch die vom Club 27 brachte uns
Übriggebliebenen, später einmal Nachfolgenden, aber auch so vieles keinen Spaß
mehr. Ehrlich. Ein bisschen sauer bin ich schon auf Euch. Curt Cobain will ich
da ausnehmen. Der kam ja erst später. Da war der Drops schon gelutscht, der
saure.
15.
Doch was kommt jetzt? Wohin führt uns die Ratlosigkeit oben und die
Orientierungslosigkeit unten? Wo ist unsere Kassandra? Bertrand Russell? Carl
Amery damals? Oder heute Peter Scholl-Latour? Ich las kürzlich: Hass ist Liebe,
die keine Möglichkeit findet, sich auszuleben. Wie viel Liebe steckt in Osama
bin Laden? Und auf wen oder was richtet sich diese Liebe? Leichter schon: was
war das Objekt der Liebe einer Ulrike Meinhof? Einer Gudrun Ensslin? Sie haben
keinen Körper mehr, keinen Mund, das zu beantworten. Stellen wir wenigstens die
Frage, dann ist eine Hälfte getan. Das andere Ende bleibt offen. Oder auch
nicht. Was lieben die Skinheads von heute? Sind diese oder andere Rechte mit
einem derartigen Deutschen-Hass erfüllt, dass sie MigrantInnen (oder wie sie
sagen: Ausländer)derart hassen müssen, um die Wahrheit in ihrer eigenen Seele
nicht zu begegnen? „Hass ist Liebe, die keine Möglichkeit findet, sich
auszuleben“. Doch, letztlich findet sie / er die Möglichkeit: in Gewalt. Wie
viel ziellose Liebe gibt es auf der Welt? Wie viel Liebe, die sich bereits in Hass gewandelt hat. Und die Probleme jedes
einzelnen Menschen? Wenn wir einmal sagen: jedes kleine Problem ist einen Quadratmeter
und jedes große einen Kubikmeter und jedes ganz große einen Kubikkilometer.
Könnten wir dann mit unseren Problemen die Erdkugel, den ganzen Weltraum
ausfüllen? Wo bliebe da noch Platz für Gott oder die Engel? Und auch für den
Teufel mit seinen Heerscharen? Und wer würde den Platz wieder aufräumen, unsere
Probleme mit einer kosmischen Müllabfuhr entsorgen? Und das doch bitte
umweltverträglich. Oder was sollen wir mit unseren Problemen sonst anfangen?
Und noch ein Gedicht:
Wenn der Wind die Zeit
zerstäubt
Und die Saat in unsere Herzen weht,
dann finden wir
den Deutschen Herbst
in uns
und
unter uns.
Zu unseren Füßen liegt die Trauer.
Wir zittern vor den leeren Zeilen
Der Erklärung
Und spüren
Dass Geschichte nicht vergeht.
Wir tragen sie mit uns,
in uns
Unter uns.
Die Schuld, sie bleibt,
ungefragt
und ungebeten
und treibt
zur Wandlung.
Der Tod auf allen Seiten.
Und wir in ihm
Und neben ihm
Leben ihn
Noch.
Mitten im Leben.
Das Zeichen zu lesen,
dass Wahrheit
unverwandelt
die Unwahrheit gebiert.
Denn wir bleiben,
ohne Gedanken
ohne Sinne,
ohne Sinn.
Nur das wird Schuld.
Denn Stillstand gibt es nicht,
nur Wandlung
Zum Guten
Oder
Zum Bösen.
Und unmerklich vermag es leicht
In uns hineinzukriechen
Und wir vermeinen
Den Weg zu kennen
und zu wissen,
wohin wir gehen.
Dann wird es immer wieder –
Herbst.
(A. W.)
16.
Vielleicht sind es die
letzten beiden Worte des Texte vor dem Gedicht: „… selbst anfangen.“ Aber ich
kann den Spruch: alle müssen zunächst mal bei sich selbst anfangen“ nicht mehr
hören. Denn die Frage ist doch: bei sich selbst: wo ist das? Was oben bereits
geschrieben wurde: ich bin alle meine Wahrnehmungen. Na wo fange ich dann an und
wo höre ich auf, im doppelten Sinne? Wenn ich alle Wahrnehmungen selbst bin,
dann kann ich mich nicht mehr hinter mir selbst verstecken, ich fange einfach
irgendwo an und fange damit bei mir selbst an. So einfach ist das. Hoffentlich
ist diese Diskussion damit endlich mal beendet, sie dreht sich sonst immer im
Kreis und wirkt letztlich ziemlich lächerlich und selbstverliebt. Also: Schluss
damit. Stehen bleiben kann: „ … selbst anfangen“. Basta!
17.
Der Club 27 ist Erinnerung,
jetzt ist die Zeit des Ablebens der übrigen 68er angebrochen. Freundinnen und
Freunde, macht noch was aus dem Rest und wenn dann eure Zeit naht, die Zeit
eures, unseres Ablebens, dann lasst es uns jedenfalls mit Anstand tun. Ins
Gesicht schauen dabei, bitte. Und in passender Bekleidung, wie immer. And don`t
forget to boogie! Und ohne falsche Scham! Da gibt es kein Ent oder Weder. Der
Weg ist jedenfalls vorgegeben. Da kommt niemand drum herum. Keine
Sterbeverweigerung. Vielleicht hilft aber auch hier ein Pastor, wie damals, bei
der Wehrdienstverweigerung. Interessieren tut mich zwar auch hier die Zeit
danach, aber davon verrate ich hier nichts, das behalte ich für mich oder für
die, die Lust haben, auch heute noch bei ausgehängter Klotür vor den Plakaten
von Frank Zappa oder Che Guevara darüber die Nacht durch zu diskutieren. Und
die sind leider Gott sei Dank schon vor ihrem eigenen Tod ausgestorben. Selbst
Fito de la Parra hat darauf keinen Bock mehr, da bin ich mir total sicher. Und
Paul McCartney hat sich an solchen Debatten sowieso nie beteiligt. Auch ganz
sicher. Vielleicht gibt es ja doch einen Boogie danach. Für eine Mitgliedschaft
im Club 27 ist es zu spät.
18.
Und was haben wir gelernt?
Für unser Leben, unsere Beziehungen? Sexuelle Befreiung? Na, erstmal war wohl
die Selbstbefreiung dran. Die Befreiung von uns selbst. Teilweise haben wir
durchschaut, was uns von außen unfrei gemacht hat. Aber was uns aus unserem
eigenen Inneren in Ketten legt, das zu durchschauen haben wir eigentlich viel
zu lange gebraucht. Oder dafür brauchen wir noch heute Zeit. Und wenn wir genau
hinschauen, dann bemerken wir, dass wir mal wieder in einem Zeitalter der
Restauration angekommen sind. Heute. Jetzt.
Arfst Wagner, Tetenhusen.
der auch Inhaber der
C 2010
ist.