Neoliberalismus und Finanzkrise.
- ein Kommentar -
Der Ruf nach glaubwürdiger Politik
in der Bevölkerung ist so laut wie noch nie. Es wird eine mutige Politik, aber
auch eine Politik mit Augenmaß erwartet.
Was aber haben wir heute: Es werden
sich noch alle erinnern, wie laut der Ruf nach Deregulierung der Finanzmärkte
und der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten ertönt ist. Die Schröders, Merkels,
Steinmeiers und Westerwelles sind mit noch im Ohr. Und heute? Ich habe in den
letzten Wochen keine einzige Politikerin und keinen einzigen Politiker gehört,
der sich nicht (angeblich)vom Neo-Liberalismus abgewandt hat.
Jedenfalls glauben sie, dass sie das
getan haben. Aber was ist denn der Neo-Liberalismus? Ist er wirklich nur die
Lehre vom „freien Spiel der Kräfte des Marktes“ (sagen die einen) oder der „Raubtier-Kapitalismus“
(sagen die anderen)? Auf Münteferings schlimmen „Heuschrecken“-Tiervergleich
will ich hier nicht weiter eingehen, weil Grüne genügend Sensitivität besitzen,
um diesen unsäglichen Vergleich als das zu erkennen, was er ist: ein aus der
Verzweifelung der inneren Zerrissenheit der SPD geborener Populismus.
Der Neo-Liberalismus ist etwas
anderes. Das kann man bei Milton Friedman nachlesen: der Neo-Liberalismus ist
eine Weltanschauung, der ein ganz bestimmtes Menschenbild zu Grunde liegt. Das
Menschenbild, das da sagt: Wirtschaft, Finanzen und Umsatzzahlen sind wichtiger
als der Mensch. Der Neo-Liberalismus ist noch in anderen gesellschaftlichen Bereichen
zu finden: in der Bildungspolitik: das von Bertelsmann geförderte Bachelor-Master-Studium und das Zentralabitur, das auf
einem völlig falschen Chancengleichheitsbegriff beruht. Gleiche Chancen kann
doch nicht heißen: alle müssen 1,80 m im Hochsprung schaffen und wer es nicht
schafft, scheidet aus. Chancengleichheit heißt doch: jeder Mensch kann sich
gemäß seinen latenten Fähigkeiten entwickeln. Chancengleichheit heißt: jeder Mensch
hat die Chance, anders zu sein, alles jeder und jede andere.
Der Neo-Liberalismus hat Angst. Er
hat Angst vor dem und der Einzelnen. Er meint, man müssen Menschen zu ihrem
Glück zwingen. Daher sein Schlagwort: Jeder und jede sind ihres eigenen Glückes
Schmied. Das diesbezügliche Motto der Sozialethik sagt aber etwas anderes: Jeder
/ jede ist des Glückes Schmied aller anderen. Schon der russische Graf Kropotkin hatte das in seinem noch heute lesenswerten Buch „gegenseitige
Hilfe im Tier- und Menschenreich“, das im Jahr 1902 erschienen ist, erkannt.
Nicht die Gier oder verruchte
Manager und Bankiers sind die Ursache der Bankenkrise. Sie haben ihren wesentlichen
Teil zu der Katastrophe beigetragen. Schuld ist das System, das bis vor kurzem
noch verherrlicht wurde (man lese z. B. das Parteiprogramm der FDP aus dem Jahr
2005). Ein System, dass uns in „Winner“ und „Loser“
einteilt, das ausschließlich Wirtschaftswachstum meint, wenn es um den
Fortschritt der Menschheit geht, das überhaupt keinen Begriff von
kulturell-geistigem Wachstum besitzt.
Die Wende kann nicht durch eine neue
Kosmetik unserer Finanzmärkte erreicht werden, sie muss eine Wende hin zu einer
solidarischen Weltwirtschaft sein. Und es muss wieder begriffen werden, dass
die Wirtschaft und die Finanzwelt für den Menschen da ist, und nicht umgekehrt.
Arfst
Wagner (KV Dithmarschen)
Literaturempfehlung:
Naomi Klein: No Logo. Der Kampf der Global Players
um Marktmacht. Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern. (2002)
Noam Chomsky: Profit over
People - War against People: Neoliberalismus und
globale Weltordnung, Menschenrechte und Schurkenstaaten (2006)