Liebe Freundinnen und Freunde.

 

Mein Name ist Arfst Wagner, 54 Jahre alt, geboren auf der Insel Föhr in Nordfriesland, Mitglied im KV Dithmarschen (noch), ab dem 1. Januar wird es der KV Schleswig-Flensburg sein. Ich weine meinem alten KV eine dicke Träne nach und freue mich auf die Mitarbeit mit den Freundinnen und Freunden in Schleswig-Flensburg.

 

Die Probleme, die in den nächsten Tagen auf uns, auf die Bundesrepublik und auf die ganze Welt zukommen, sind sehr vielschichtiger Art. Ich möchte deshalb in dieser Rede drei Schwerpunkte für meines politischen Handelns formulieren: die Sozialpolitik, die Bildungspolitik und die Außenpolitik.

 

Der erste Schwerpunkt ist also die Sozial- und Wirtschaftspolitik.

Uns wird von der Bundesregierung monatlich die frohe Botschaft von sinkenden Arbeitslosenzahlen verkündet, z. Zt. ca. 3 ½ Millionen. Dabei werden die Ein-Euro-Jobber, die Zeitarbeiter, diejenigen, die sich gerade in Fortbildungen befinden und die einigen Tausend, die monatlich aus Hartz IV „unten“ herausfallen, einfach weggelassen. Hartz IV wurde eingeführt mit der Begründung: das Programm schaffe Arbeitsplätze und es spare Geld. Beides ist eine Unwahrheit. Inzwischen wissen das alle. Ich habe das in meiner 3-jährigen Arbeit als Sprecher der LAG Sozialpolitik immer betont, bin aber auch bei uns hier damit auf nicht unerheblichen Widerstand gestoßen. Inzwischen wissen wir, das selbst das Motto „Fordern und Fördern“ für viele nichts anderes bedeutet als eine Orwell`sche Formulierung von „Zwang und Kontrolle“. Dafür bleibt das Milliardendebakel bei der BayernLB ohne personelle Konsequenzen und die im Jahr 2008 an deutsche Manager gezahlten Boni übersteigen den Landesetat der deutschen Bundesländer.

 

Wir müssen raus aus diesem Programm und weg von dem dahinter stehenden neo-liberalen Menschenbild! Und wenn selbst ein CDU Ministerpräsident Althaus das erkennt, dann erkennen wir hier das doch schon lange! Wollen wir als Grüne weiter die Partei des Sozialabbaus bleiben? Oder erweisen wir uns auch in der Sozialpolitik, in der Armutsbekämpfung als zukunftsweisend. Wir haben da so einiges gutzumachen.

 

Nebenbei wird es verheerende Wirkungen in den nächsten Jahren nach sich ziehen, dass viele immer noch glauben, die Sozialsysteme auf die Lohnarbeit begründen zu können. Bei den Renten soll man dazu sich einfach zusätzlich privat versichern. Schön und gut, aber kann sich vielleicht irgend jemand vorstellen, dass es Menschen gibt, die zusätzliche Beiträge überhaupt nicht aufbringen können? Und dass dieses Problem sehr viele Menschen haben. Ich nenne das Festhalten an einem durch Lohnarbeit getragenen Lohnsystem weltfremd.

 

Nicht einmal 40 % der in Deutschland geleisteten Arbeit ist Lohnarbeit. Und sie wird, nicht nur als Folge der so genannten Bankenkrise, weiter abnehmen. Das bedeutet, die Arbeitslosigkeit wird weiter zunehmen. Globaliserungsbefürworter und –kritiker rechnen in ca. 20 Jahren mit einer weltweiten Arbeitslosigkeit von durchschnittlich 80 % !! Es ist jetzt unsere Chance den Kapitalismus zugunsten einer demokratischen, ökologisch-sozialen Wirtschaftsordnung, einer solidarischen Weltwirtschaft, zu überwinden.

 

Nach dem Beschluss der Delegiertenkonferenz im letzten November habe ich die Konsequenz gezogen: ich habe eine Reihe von öffentlichen Veranstaltungen zum bedingungslosen Grundeinkommen in Schleswig-Holstein durchgeführt und so konnte ein nächster Schritt gemacht werden. Am 19.11.08 wurde im Rio-Reiser-Haus Fresenhagen die BürgerInnen-Initiative bedingungsloses Grundeinkommen Schleswig-Holstein gegründet, ein parteiübergreifendes Netzwerk. Ich habe das nicht allein initiiert, deshalb möchte ich den beiden hier anwesenden Mitinitiatoren, Anja Rosengren und Gunther Schmutzenhofer, meinen herzlichsten Dank aussprechen. Ohne die beiden wäre das Ganze nicht gelaufen. Und Marlene Löhr vom Landesvorstand und Rasmus Andresen von der Grünen Jugend sei Dank gesagt für ihre tollen Reden, die sie bei der Begründung gesprochen haben. Es ist jetzt an der Zeit, auch hier in Schleswig-Holstein das auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Nürnberg beschlossene bedingungslose Grundeinkommen für Kinder einzuführen! Und es ist an der Zeit, sich massiv für die Abschaffung der systematischen Überprüfungen von Hartz IV-Empfängern einzusetzen! Ich habe keine Lust, mir das von einem CDU-Ministerpräsidenten vormachen zu lassen. Das wäre dann ein deutlicher gesellschaftlicher Schwenk, der unter andrem wieder zu mehr Respekt vor dem Menschen im Arbeitsleben führen wird. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dabei nicht bloß eine Geld-, sondern im Wesentlichen eine Kulturfrage.

 

Als nächstes Projekt plane ich für die nächsten Jahre eine landesweite Kampagne für einen neuen Arbeitsbegriff, für die ich jetzt schon um Eure Unterstützung werben möchte.

 

Als Mitglied der Globalisierungskritiker von attac habe ich seit 1999 eine Regulierung der Finanzmärkte, die Besteuerung des internationalen Währungshandels (Tobinsteuer) verlangt und gefordert, dass der Satz „der Mensch steht im Mittelpunkt“ endlich mit Sinn erfüllt wird. Mich berührt es doch recht eigenartig, wer jetzt in den letzten Wochen alles zum Kritiker des Neo-Liberalismus geworden ist.

 

Der Satz, der sich ja auch in unserem Parteiprogramm findet: „der Mensch steht im Mittelpunkt“, gilt auch für die Bildungspolitik. Auch hier ist der neolioberale Geist eingezogen. Der Begriff der Chancengleichheit an den Schulen ist eine Farce und wird auch durch das Zentralabitur oder durch den besonders vom Bertelsmann-Konzern geförderten Bachelor-Master-Studiengang, zumindest wie er bei uns in Deutschland aufgefasst wird, nicht verbessert. Das Gegenteil ist der Fall! Schaut einmal im Internet nach den Erfahrungsberichten von Studentinnen und Stundenten! Und der meiner Ansicht nach größte Skandal, und ich wundere mich dass es keinerlei Aufstand gegeben hat ist, dass an der Entwicklung, Entscheidung und Einführung dieser beiden gravierenden Veränderungen unsere Bildungssystems weder Schülerinnen und Schüler (Zentralabitur), noch Studentinnen und Stundenten mitbestimmen durften. Und dabei kommen doch ständig die Sprechblasen, man wünsche sich mehr Demokratie an den Schulen, Partizipation, engagierte Schülerinnen und Schüler, die mitbestimmen usw. Wie gesagt: ein Skandal! Und selbst wenn es heißt: Schulen brauchen mehr Autonomie ist dabei meistens, wir wissen es alle, nur eine Kürzung der Zuschüsse gemeint. Autonomie der Schulen ist eine Zukunftsvision!

 

In sämtlichen Haushalten der Bundesländer ist im letzten Jahr an der Bildung gekürzt worden. Und nicht einmal die so genannte „demographische Rendite“ wurde investiert. Der Dresdner Kongress von vor 2 Wochen hat die Hilflosigkeit der Bundesregierung wieder einmal dokumentiert. Hoffentlich zum letzten Mal.

 

Mein dritter Schwerpunkt: die Außenpolitik. Wie viele Taliban gibt es nach internationaler Schätzung in Afghanistan? Es sind 3000. Wie viele Afghanen befinden sich unter den Terroristen der letzten Jahre seit dem Anschlag auf das World-Trade-Center? Kein einziger!

Die Gründe, die gegen einen Bundeswehr-Einsatz im Irak gesprochen haben, gelten eins zu eins auch für den Afghanistan-Einsatz. Ich plädiere nicht für einen sofortigen Rückzug, denn wir haben auch durch den Einsatz selbst Verantwortungen übernommen, aus denen wir uns nicht herausstehlen können, aber ich fordere die sofortige Erstellung einer Exit-Strategie für Afghanistan in Zusammenarbeit selbstverständlich mit den Afghanen und den Hilfsorganisationen. Ich selbst bin bereit, an einer solchen Strategie mitzuarbeiten. Das würde mein Afghanistan-Engagement im Deutschen Bundestag bedeuten.

Einer Lieferung von bei HDW gebauten U-Booten nach Pakistan würde ich niemals zustimmen. Pakistan ist wie alle wissen ein Krisengebiet und es könnte eine Situation entstehen, in der sich bei HDW gebaute indische und pakistanische U-Boote gegenüber stehen. Das ist alles andere als Friedenspolitik!

 

Für das neue noch nicht in Kraft getretene Gesundheitsprogramm der Bundesregierung fehlen bereits jetzt, bevor es überhaupt umgesetzt wird, 1,8 Milliarden Euro. Die Krankenkassen verschlingen einen Löwenanteil der Beiträge für ihre bloße Existenz. Das Gesundheitswesen ist weltweit eines der größten wirtschaftlichen Faktoren. Können sich die Grünen zu einer Auffassung durchringen, dass das Gesundheitswesen eigentlich zum Geldverdienen gar nicht gemacht ist? Der Satz: Institutionen werden mit der zeit, wenn nicht aufgepasst wird, wichtiger, als das, wofür sie da sind, gilt längst für das Kassenwesen. Ich bin selbst beruflich als Therapeut tätig und erlebe diese Missstände nahezu täglich.

 

Zur Migrationspolitik: die „Festung Europa“ lehne ich konsequent ab. Eine Einwanderung muss möglich sein. Bedenken wir, dass wir Deutsche selbst schon mehrfach in der Geschichte ein Auswanderungsland waren. Eigentlich ist schon der Begriff „Migration“ problematisch, es teilt die Gesellschaft. Die so genannte Migration ist eine Völkerwanderung und Völkerwanderungen gehörten zu den alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens impulsierenden Ereignissen.

 

Die Banken- und Finanzkrise zeigt viele Parallelen zum Jahr 1929. Und wir wissen alle, was nach der damaligen Krise kam. Der Kampf gegen Rechtspopulismus ist eines der dringlichsten politischen Aktivitäten der nächsten Jahre. Ich habe mich hier seit 20 Jahren derart engagiert, dass der ehemalige RAF-Terrorist und jetzige NPD-Aktivist Horst Mahler vor wenigen Jahren zu Gewalt gegen meine Person aufrief.

 

Ich bin ein Freund der ökologischen Landwirtschaft. 10 Jahre lang habe ich von Deutschland aus und durch viele Reisen nach Polen den Aufbau der ökologischen Bewegung in Polen als Mitglied der polnischen Gewerkschaft SOLIDARNOSC unterstützt, die Finanzen für den ersten Ökohof in Polen bei Allenstein in Masuren habe ich durch Spendenaufrufe zustande gebracht.

 

Den Bauern muss wieder möglich gemacht werden, was immer eine ihrer zentralen Aufgaben war: die Pflege der Erde. Mich bestürzt es, jetzt überall in Schleswig-Holstein Schilder zu sehen: wir fordern einen fairen Preis: 40 Cent pro Liter Milch. Ist das ein fairer Preis? Auf der anderen seite eröffnen Firmen wie MÜLLERMILCH mit einem Zuschuss von 70 Millionen EUR aus Brüssel eine Fabrik in Sachsen-Anhalt, weil das dort 172 neue Arbeitsplätze schafft und kurze Zeit später schliesst MÜLLERMILCH das Werk in Niedersachsen mit 176 Arbeitsplätzen. Die gesetzeslage, die so etwas möglich macht, muss unbedingt rasch geändert werden.

 

Die erneuerbaren Energien sind gar nicht wichtig genug zu nehmen, was ja sogar Herr Pofalla von der CDU erkannt hat. Allerdings müssen wir diese in den Zusammenhang des weltweiten Verbrauchs an Energie stellen, das heißt, wir müssen einen besonderen Schwerpunkt auf die Senkung des Energieverbrauchs und die Erarbeitung eines weltweiten Energiekonzeptes legen. Ein „Moorburg“ hätte es mit mir nicht gegeben. Freuen wir uns darüber, dass nach der „Moorburg“-Katastrophe die Kohlekraftwerke in Germersheim am Rhein und besonders das in Kiel verhindert werden konnte! Den Kieler Freundinnen und Freunden sei hierzu herzlich gratuliert!

 

Wir brauchen im Bundestag Vertreter, die bei den schwierigen und größtenteils eng verzahnten Problemlage in sehr vielen Bereichen eine Fachkompetenz besitzen und die in der Lage sind, ständig hinzu zu lernen und von alten überkommenden Vorstellungen Abschied zu nehmen. Ein großes Maß an innerer Unabhängigkeit sehe ich ebenfalls als eine wesentliche Grundlage parlamentarischer Arbeit an. Wen ihr auch heute wählen werdet, diese Eigenschaften sollten die Gewählten mitbringen.

 

In Talkshows werden Querdenker, Quereinsteiger und Künstler aufgefordert, in die Politik zu gehen. Claudia Roth hat hier in Kiel im letzten Bundestagswahlkampf dazu aufgefordert. Aber hält die Politik solche Querdenker auch aus? Der erste Kinofilm, den ich in meinem Leben gesehen habe, war Easy Rider. Dort sagt Jack Nicholson: alle reden von Freiheit, aber wenn die Freiheit irgendwo auftaucht, dann nehmen die Leute einen Knüppel und schlagen sie tot. Alle wissen, dass das stimmt. Dabei ist Freiheit etwas Großartiges. Und diese Freiheit, diesen Aufbruch zu einer wirklichen Erneuerung unserer Gesellschaft müssen wir uns jeden Tag gestatten, weil die Menschen das von uns erwarten. Wir dürfen diese Hoffnungen nicht enttäuschen.

 

Ihr stimmt hier auch über Personen ab, aber ich denke, ihr werdet nicht vergessen, dass die Personen für Inhalte stehen. Und über diese Inhalte wird hier eigentlich abgestimmt.. Ich werde mich selbstverständlich lokal vor Ort in Schleswig-Holstein engagieren, wie ich das auch in den letzten Jahren getan habe und immer ein offenes Ohr für Euer Sorgen, Nöte und Gedanken haben. Ich bitte Euch hiermit herzlich um Euer Vertrauen und Eure Stimme.