Meine Bewerbungsrede zur Landesliste 2005
Liebe Freundinnen und Freunde!Ich habe mich in den letzten Tagen angesichts der kurzen Rede, die ich hier und jetzt halten soll, halten will, gefragt: was kann ich in der kurzen Zeit sagen. Was wollt Ihr wirklich wissen?
Niemand wird glauben, dass ihr, nachdem ihr vielleicht meine schriftliche Bewerbung gelesen habt und mich hier nun ca. 10 Minuten reden hört, verantwortungsvoll für mich stimmen könnt. Ich habe also keine Chance. Aber wie hieß es noch zu einer Zeit, da es in dem heutigen Ausmaß noch keine Arbeitslosigkeit und auch innere, seelische Perspektivlosigkeit (über die mehr gesprochen werden sollte) für junge Leute gab: „Du hast keine Chance, aber nutze sie".
Ein wenig Biographie:
Mein Migrantenbonus: ich stamme aus Nordfriesland von der Insel Föhr und lebe jetzt in Dithmarschen, arbeite aber in Rendsburg-Eckernförde. Mein Nachteil, ich gehöre dem Geschlecht mit dem genetischen Defekt an, so dass ich auf einem graden Listenplatz kandidieren muß.Ich bin einer der beiden Sprecher der LAG Soziales. Für meinen Kreisverband Dithmarschen trete ich als Direktkandidat im von der CDU seit Jahrzehnten okkupierten Norderdithmarschen an. An politischer Arbeit habe ich 8 Jahre ökologische Aufbauarbeit in Polen im Zusammenhang mit der Gewerkschaft Solidarnosc vorzuweisen. Den ersten ökologischen Bauernhof in Polen in der Nähe von Olsztyn/ Ostpreußen habe ich mit begründet und die Finanzierung besorgt. Von dort aus wurde dann die ökologische Bewegung in Zusammenarbeit mit der Universität Warschau in ganz Polen überall verbreitet. Inzwischen gibt es dort auch fast 200 Ökohöfe. Auch in pädagogischen und ökologischen Projekten in Polen habe ich mich in dieser Zeit beteiligt.In Freiburg habe ich 1980/81 die erste und bisher einzige in der Bundesrepublik von StudentInnen gegründete Universität aufgebaut, zusammen mit der inzwischen leider verstorbenen Schwester von Reinhard Bütikofer. Wir haben damals ein bundesweites alternatives Vorlesungsverzeichnis erstellt und verschiedene ProfessorInnen waren bereit, uns kostenlos zu unterrichten. Leider gibt es diese Initiative inzwischen nicht mehr.Seit 15 Jahren bin ich Redakteur der Zeitschrift „Flensburger Hefte", seit 2001 Mitglied der globalisierungskritischen Organisation ATTAC.
Bereiche, für die ich mich kompetent gemacht habe sind die Sozialpolitik, die Gesundheitspolitik (in einem Nebenberuf bin ich freischaffender diplomierter Bewegungstherapeut), die Jugend- und Bildungspolitik (24 Jahre Lehrer an einer Freien Schule), die Ökologie und die Kultur (ich bin auch künstlerisch tätig). Ich bin bereit, die Arbeit in jedem dieser Bereiche zu übernehmen und empfinde mich durchaus noch in erheblichem Masse als in einem lernfähigen Alter.
Das zur Vergangenheit.
Die Zeit ist ernst. Sehr ernst. Es geht nicht darum, belanglose 10-Minuten zu halten. „Die Zeit mit Las-Vegas-Haftem Colgate-Lächeln totzublödeln", wie es ein Dichter einmal sagte.Und, ganz ehrlich, wenn ich mir so einiges aus den Reden meiner Vorredner von gestern anhöre, dann ist die Welt eigentlich so mehr oder weniger ganz in Ordnung, außer so einigen schwarzen Haribo-Gestalten, die ständig stören. Ein wenig Selbstkritik steht den GRÜNEN aber gut an. Auf einem Wahlparteitag ist es natürlich wichtig, auf das Positive hinzuweisen. Und über das Positive freue ich mich natürlich auch. Es geht um Wesentliches in der Politik von heute, denn was ist Politik? Politik ist die Organisation menschlichen Zusammenlebens.
Es ist ja manchmal schwer, wenn man in einer Situation drinnen steckt, wirklich zu sehen, wo man (oder Frau) steht. Wo man selbst steht. Wo stehen wir, wo stehe ICH? Und wie sieht es heute, einmal aus der betrachtenden Distanz des Beobachters, mit dem menschlichen Zusammenleben, mit der Brüderlichkeit, der Geschwisterlichkeit, wie man heute wohl sagen würde, wenn man es ernst meint, aus? Das Ergebnis wäre wohl niederschmetternd. Ich stehe auf der Seite der (hoffentlich nicht wenigen), die mit der Politik von heute häufig nicht einverstanden sind. Für die Menschen nicht nur Zahlen in einer Arbeitslosenstatistik sind. Einer meiner Berufe ist Lehrer. Wenn ich vor der Klasse stehe, Tag für Tag, dann habe ich die Aufgabe, jeder Schülerin und jedem Schüler das Gefühl zu geben (und zwar wahrhaftig), sie oder er sei der wichtigste Mensch der ganzen Gruppe. Und zwar nicht in Überheblichkeit, sondern in Verantwortung. In gegenseitiger Verantwortung. So möchte ich, so werde ich Politik machen, wenn ihr mich wählt auf diesen Platz der Liste. Und wenn ihr mich heute nicht wählt, dann an dem Ort, wo ich mich einbringen darf.In dem Teil des Wahlprogramms für die LTW, das wir als LAG Sozialpolitik verfasst haben, steht der Mensch im Mittelpunkt Grüner Politik. Ich meine das radikal. Das meine ich mit solcher Radikalität (da bin ich absolut ein Fundi), das ich hier sagen möchte: die ganze politische Szene braucht einen Wandel. Quantensprung, Wendezeit, neues Zeitalter, so lauten Vokabeln. Und wie es bei Psychologen so ist, dass sie Veränderungen des seelischen Klimas meist als letzte wahrnehmen, so ist es häufig (natürlich nicht bei den GRÜNEN) bei den Politikern. Und wir müssen als Grüne aufpassen, dass wir in manchen Punkten nicht von bestimmten Organisationen, die uns nahe stehen, überholt werden, von rechts oder von links.
So war kürzlich vom Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post bei Sabine Christiansen zu hören, das deutsche Steuersystem sei das veraltetste in ganz Europa. Er schlug eine weitgehende Steuerfinanzierung der Sozialsysteme über die Mehrwertsteuer vor und erinnerte an Skandinavien. Dasselbe war kürzlich vom Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt zu hören. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Viele sehen das Lohnsystem in der derzeitigen Form zusammenbrechen. Was sind die Konsequenzen daraus? Last uns die Idee der Umwandlung des Steuersystems, für das wir GRÜNEN in Schleswig-Holstein stehen, ausbauen. Ist die nahezu vollständige Lohnabhängigkeit vieler ArbeitnehmerInnen wirklich noch zeitgemäß? Bedenken wir allen, in welchem Ausmaß unsere Gesellschaft, unser konkretes menschliches Zusammenleben davon abhängt, dass Menschen MEHR tun als das, wofür die bezahlt werden. Was ist dieses MEHR. Und warum sind Menschen bereit, liebe Freundinnen und Freunde, dieses MEHR zu leisten. Dienst nach Vorschrift ist der Tod des sozialen Lebens.Wir GRÜNEN sind auch MEHR als nur eine Partei. Das wissen wir, wenn wir daran denken, wo wir herkommen. Und auch unsere Partei lebt von diesem MEHR, sozusagen sind wir eine „mehr-umschlungene" Partei, besonders in Schleswig-Holstein. Diese Kräfte wollen wir und werden wir mobilisieren, und nicht nur, aber auch besonders im Hinblick auf die Wahl 2005. Da wollen wir die anderen Parteien schon einmal vorwarnen.
Die Menschen sagen heute über PolitikerInnen, das diese nicht sagen, was sie meinen oder nicht meinen, was sie sagen. Und sie haben damit, wie alle wissen, die im so genannten politischen Geschäft tätig sind, so ziemlich recht damit. Also sagen wir den Menschen doch die Wahrheit. Machen wir ihnen nichts vor. Sagen wir Ihnen, dass manches noch schwerer werden wird in den nächsten Jahren, auch mit den Umgestaltungen des Sozialsystems. Sagen wir aber auch, dass es ohne diese Umgestaltung noch viel, viel schwieriger werden wird.Wollen die Menschen die Wahrheit hören? Manche sagen: nein. Lasst sie uns nicht beunruhigen. Ich meine: ja, sagen wir ihnen die Wahrheit. Langfristig wird sich das auszahlen. Vielleicht werden wir viele motivieren können, bei der Umgestaltung aktiv mitzuwirken.Ich habe mit vielen sozialen Veränderungen der letzten Jahre, und soziale Veränderungen sind niemals nur soziale Veränderungen, ein Problem. Ein echtes Problem. Ein Problem, das an die Grenze führt, wo sich die Frage nach der Menschwürde stellt. Und das in vielen Bereichen: Altenpflege, Gesundheitssystem (über das hier auf dem Parteitag bisher viel zu selten etwas zu hören war), Sozialhilfe, Jugendpolitik usw. Auch in diesen Bereichen wird MEHR geleistet, als der bloße Dienst nach Vorschrift. Wenn wir aber die Menschen reduzieren auf ihren Pflichtanteil in ihrer Persönlichkeit, dann werden sie dieses MEHR nicht mehr leisten.Friedrich Schiller sagte einmal: „Behandelt man die Menschen so, wie sie sind, nimmt man ihnen die Möglichkeit zur Entwicklung. Behandelt man sie so wie sie sein sollten, sein könnten, gibt man ihnen die Möglichkeit zur Entwicklung".Und ich freue mich darüber, wie viele Sozialpolitiker wir inzwischen bei den GRÜNEN haben.„Eine andere Welt ist möglich". Oder „denkt um die Ecke, es gibt genug für alle". Das sagen die Freundinnen und Freunde der globalisierungs-kritischen Organisation ATTAC. Das ist richtig. Und sie sagen auch: Mitte der 90er Jahre habe sich ein gesellschaftlich einmaliger Umschwung ergeben: früher sei die Wirtschaft für den Menschen da gewesen, heute sei das anders: der Mensch sei immer mehr für die Wirtschaft da. Diesen Prozess gilt es umzukehren unter Anspannung aller verfügbaren Kräfte der verschiedensten gesellschaftlichen Kräfte, auch die aus der Wirtschaft selber.Aber diese Umkehr wird sich nur in einer Radikalität des Bewusstseins politischer Kultur verwirklichen lassen, die nur der Radikalität der Bürokraten von heute gleichkommt, die mit Ihrer Qualitätssicherung, die gar keine Qualitätssicherung ist, da Qualität mit etwas ganz anderem zu tun hat, nämlich mit etwas Unkontrollierbarem, mit Freiheit und ganz besonders mit Liebe, nicht sentimental, sondern radikal gemeint. Denn sonst wird der reine Bestand unserer Einrichtungen bald wichtiger als das, wofür die da sind. Einen Mitarbeiter der Verbraucherzentrale Hamburg, den wir von der LAG Sozialpolitik als Fachmann zu einer Fortbildungstagung einluden, fragte ich nach seinen Honorarvorstellungen. Er antwortete: „Wenn ich ein wenig dazu beitrage, dass die GRÜNEN zu ihrer alten Radikalität zurückfinden, dann verzichte ich gern auf ein Honorar". Ich habe ihm gesagt, ich verspreche es Dir. Er reiste ohne Honorar wieder ab.Und nun bitte ich Euch darum, mir Eure Stimme zu geben, damit ich das Versprechen einlösen kann.
Ich bin im Kopf und im Herzen ein Fundi. Jemand, der jeden einzelnen Arbeitslosen und jede einzelne Arbeitslose als eine Schande erlebt. Der aber auch meint, dass selbst Vollbeschäftigung nichts wäre, wenn alle Sklaven wären, dass es nämlich nicht nur eine Quantität der Arbeit, sondern auch eine Qualität der Arbeit gibt. Und das für jeden Menschen! Und die so genannte Realität? Der muss man als überzeugter Realo begegnen. Immer ein offenes Ohr und Kompromissfähigkeit.Das Herumgeschiebe von Problemen, wie es uns derzeit besonders die SPD im Bund vormacht (die CDU schiebt nur ihre unverdauten Sprechblasen herum, die sind ja nicht so schwer, das geht leicht), führt zu gar nichts außer zu neuen Problemen. Das wissen alle, spüren alle. Was wir brauchen, das ist ein Ziel, ja, ich sage: eine Vision. Denn nicht bloß das ist das Problem, dass die Menschen im Lande häufig nicht erkennen können, was geschieht, sondern besonders: sie verstehen nicht wozu? Wo soll das alles hinführen? Wie sieht die Gesellschaft der Zukunft aus?Zu Dithmarschen: Unser Stiefkind, von Kiel aus gesehen. Dabei gibt es hier eine schwierige Situation für Jugendliche, für Frauen, für die Fischerei. Für den Küstenschutz. Und es gibt die Dithmarscher Bauern ein stolzes und schwieriges Problem für uns GRÜNE.
Für den Erhalt des Forstes Christianslust habe ich mich intensiv eingesetzt und dadurch auch schon viel Zuspruch erfahren. Einige Freunde aus der dortigen Bürgerinitiative arbeiten jetzt engagiert in unsrem Kreisverband mit und sind Mitglieder der GRÜNEN geworden. In Dithmarschen will ich mich besonders engagieren, zusammen mit den anderen Freundinnen und Freunden von der Westküste und einen heißen Wahlkampf führen. Wählerpotential ist dort noch jede Menge vorhanden.Ob wir es schaffen, dieses Potenzial in Dithmarschen, an der Westküste zu gewinnen, das ist nicht unwesentlich, auch für das Gesamtergebnis für die LTW 2005. Manchmal denke ich, wir GRÜNE sind häufig viel besser als wie wir unsere Politik verkaufen. Sprechen wir mit den Menschen vor Ort. Hören wir uns ihre Sorgen und Nöte an. Nehmen wir sie ernst!Zu Europa: unsere Region spielt da in der Zukunft eine wesentliche Rolle. Wir sprechen von Nordeuropa und von Osteuropa. Der Ostseeraum umspannt aber einen Raum, von dem wir anfangen müssen, als von Nordost-Europa zu sprechen. Denn das Wort bildet Bewusstsein. Mir war es auf meinen Reisen nach Polen oft peinlich zu erleben, wie viel die Polen und Polinnen von Deutschland, auch von der deutschen Kultur kannten. Und wir: wir wissen im Durchschnitt praktisch nichts von der polnischen Kultur. Das Zusammenwachsen Europas kann nicht auf Dauer von oben organisiert werden. Es muß von unten wachsen, eigentlich wie so gut wie alles andere auch. Auch wir GRÜNEN haben unsere Wurzeln in einer ökologischen Bewegung. Das sollten wir nie vergessen. Politik muss dieses Zusammenwachsen von unten möglich machen und sinnvoll steuern. Europapolitik ist nicht nur Wirtschaftspolitik, es ist auch ganz besonders Bildungs- und Kulturpolitik. Wir haben keine schlechten Chancen bei der Landtagswahl, unser Ergebnis der letzten Wahl zu verbessern. Die SPD tendiert bundesweit in Richtung 20%! Mir ist der 8. Platz der GRÜNEN-Landesliste in Schleswig-Holstein echt etwas wert! Ich wollte Euch, liebe Freundinnen und Freunde, ein wenig zeigen, wer ich bin und ein wenig von dem, was ich denke und will. Vielleicht ist es mit ein klein wenig gelungen, und ihr wisst jetzt genau, ob ich mich wählen wollt. Und falls ihr mich nicht wählen wollt, so wisst Ihr jedenfalls, wen ihr nicht gewählt habt. Und das ist doch auch etwas.
Ich freue mich, für und mit Euch politisch arbeiten zu dürfen!