Theodore Roszak über Pädagogik
College-Niveau - das Niveau, auf dem ich lehre. Ich habe jetzt über zwanzig Jahre lang Erfahrungen mit Studenten der ersten Semester gesammelt, die schließlich den Weg nach ganz oben schafften. An der Stanford-University habe ich die Kinder einiger der reichsten amerikanischen Familien unterrichtet, ehrgeizige Musterschüler, selbstsicher auf den Weg zu glanzvollen Karrieren. Jetzt unterrichte ich an einer der California State Universities Studenten, die vorwiegend aus der unteren Mittelklasse und Arbeiterklasse stammen, darunter auch viele Schwarze und Chicanos, die sich alle um einen Abschluss abrackern, mit dem sie wenigstens vor Arbeiterdasein und Arbeitslosigkeit bewahrt sind. ... oft genug schaffen sie es nicht. Alle Studenten, die ich unterrichtet habe, muss man als erfolgreiche Produkte unserer Schulen einstufen, sie gehören zu jenen 5 Prozent, die sich mit einer Gesamtnote aus dem oberen Drittel für das College qualifizieren. Das System kann stolz auf sie sein. Die Eltern können stolz auf sie sein. Sie sind die Glücklichen, die den Wettkampf überlebt haben. Und irgendwo unter diesen wenigen sind die ganz wenigen, die schließlich Führer und Macher werden.Aber wenn ich sie betrachte, sehe ich oft nur das, was ich selbst geworden war, nachdem ich meine Ausbildung an der Princeton Graduate School magna cum laude abgeschlossen hatte - ein trauriger Fall von konsequenter Fehlerziehung. Ich sehe verstörte und ängstliche Menschen, die glauben, dass es bei Erziehung und Bildung darum geht, Aufgaben zu erfüllen, Notenquerschnitte zu errechnen, es den Lehrern recht zu machen. Ich sehe geschulte Spezialisten, die mit vorgestanzten Darbietungen auf Gebieten, die keinerlei persönliche Bedeutung haben, Beifall zu erhaschen. Manche beherrschen das grandios; viele der Stanford-Stundenten hatten sämtliche Tricks, mit denen man ständig die besten Noten angelt, schon in der ersten Klasse gelernt. Von denen, die ich jetzt unterrichte, beherrschen manche nicht einmal Rechtschreibung und Interpunktion und werden wahrscheinlich sehr bald ausgesiebt - außer wenn sie Farbige sind, ein Sonderbonus, der ihnen Stützkurse und gutes Zureden einbringt. Doch Gewinner und Verlierer sind Opfer derselben pädagogischen Deformierung. Beide sind auf jene Minimalidentität zurechtgetrimmt, die wir `Student´ nennen. Wie viel von sich selbst bringen sie mit, wenn sie sich zu meinem Kurs versammeln? Ein Vorderhirn, dass mit einem Sprechapparat, zwei Augen und zwei Ohren verdrahtet ist, das ganze nichts weiter als ein Prozessor für Wörter und Zahlen. So sitzen sie vor mir, langweilen sich, aber zwingen sich zur Aufmerksamkeit, lauter intellektuelle Apparate, die darauf warten, dass ich die vertrauten Knöpfe drücke: Wichtiges Faktum .. Große Idee ... Aufgabenverteilung ... Testfrage ... Richtige Antwort ... Literaturhinweis ... klick-klick-klick. Beobachte den Lehrer - finde heraus, was er will - tu es - hol dir den Schein -- mach deinen Abschluss -- schnapp dir den Job -- beobachte den Chef -- finde heraus, was er will - - tu es - hol dir die Gehaltserhöhung.Manchmal frage ich mich, ob irgendeiner von ihnen sich noch erinnern kann, wer er war und was er lernen wollte, bevor Schule und Lehrer ihn dressierten und dann versuche ich, mit ihnen über den Sinn der Ausbildung zu diskutieren. Ich habe nicht die Illusion, dass innerhalb des Systems viel für sie getan (oder ungeschehen gemacht) werden kann, am allerwenigsten von jemandem, der so hoffnungslos akademisch ist wie ich selbst. Dennoch frage ich sie, ob Erziehung und Bildung nicht noch mehr sein könnten - etwas, an dem auch ihr persönlicher Stil und Geschmack beteiligt ist, etwas, das unserer gemeinsamen Arbeit einen Schimmer von Wirklichkeit geben könnte. Aber solche Exkurse scheinen für die meisten nur verwirrend und peinlich zu sein. ... Nur einige ältere Studenten greifen das Thema auf - die Männer und (vor allem) Frauen, die schon Kinder großgezogen haben und jetzt mit vierzig oder fünfzig Jahren wieder in die Schule gehen. Die kritischen und ernsthaften Geister finden sich meist unter diesen Studenten; ich würde mit Vergnügen ganze Kurse solcher Leute unterrichten, wie es in den Volkshochschulen europäischer Länder geschieht. Doch für die anderen, die um ihren Job besorgten jungen Studenten, ist es zu spät, noch einmal zu überdenken, was Schule heißt, und zu früh, um sich zu fragen, was leben heißt. Ihre Erwartungen und Reaktionsweisen liegen fest. Sie wollen so schnell wie möglich wieder `zur Sache kommen ´- ihre Seminararbeiten schreiben, Prüfungen ablegen, Scheine hamstern ... alles an der Oberfläche des Großhirns. Es macht sie nur nervös, wenn ich ihnen vorschlage, sich Studienobjekte vorzunehmen, denen sie sich mit persönlichem Engagement widmen können; sie haben keine Ahnung, wer sie als Person sind ... oder sie misstrauen mir, wenn ich sie bitte, mich sehen zu lassen, wer sie sind. Vielleicht halten sie so etwas für eine Fangfrage, was ich in ihrem Alter sicher auch getan hätte.Die Welt schuldet und allen ein zweites Leben mit einer neue Erziehung, einer `Heil´-Erziehung, die nichts mit Hausaufgaben, Noten und Prüfungen zu tun hat. …
Unsere Schulen werden oft mit der kritischen Frage angegriffen, „Warum kann Hänschen nicht lesen und schreiben?“ Man ruft danach, wieder zu den „grundsätzlichen Dingen“ zurückzukehren, vor allem aber zu strikter Disziplin und hohen Leistungsdruck. Die affektiven Erzieher haben dafür eine Erwiderung, die eine noch schärfere Kritik an der konventionellen Schule darstellt. Wissen wir wirklich so genau, so fragen sie, was die grundsätzlichen Dinge im Leben sind? Schlimm genug, dass Hänschen nicht lesen oder schreiben kann. Aber weshalb machen wir uns nur darüber Sorgen? Weshalb nicht auch darüber, dass sein Organismus und seine Gefühle ihm so fremd sind, dass er für den Rest seines Lebens (wie die meisten von uns) unter der Bürde dieses Unwissens keuchen wird? Warum nicht darüber, dass sein Körper von erstickter Wut und unterdrückten Begierden beherrscht ist, dass sein Stoffwechsel von miserabler Ernährung und nervösen Spannungen gepeinigt wird, dass sein Traumleben öd und leer ist, seine Phantasie darniederliegt, sein soziales Gewissen unter Egoismus begraben ist? Warum nicht darüber, dass Hänschen nicht tanzen kann, nicht malen kann, nicht atmen kann, nicht meditieren kann, nicht mit Angst, Aggression, Neid fertig wird und keine Ausdrucksmöglichkeiten für Vertrauen und Zärtlichkeit hat? Weswegen macht es uns eigentlich so wenig aus, dass Hänschen nicht weiß, wer er ist, und nicht weiß, dass er es nicht weiß? Wenn die grundsätzlichen Dinge mit all dem nichts zu tun haben, dann sollten wir endlich zugeben, dass sie nichts mit Hänschens Gesundheit und Glück, nichts mit seinem Leben zu tun haben, sondern nur mit seiner Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. Wessen Interesse dient Hänschens Erziehung also?
(Theodore Roszak: Mensch und Erde - über die kreative Zerstörung der Industriegesellschaft". Soyen 1982. Kapitel über Schule (Auszug).